BeachBerlin » News & Presse » Pressestimmen » Printmedien » Tagesspiegel 2001

Den Sand spüren

Ticket - Tagestipps (Juli 2001)

"Den Sand spüren" (Wie eine Berlinerin Ost, die Stadt erleben kann) 


Berlin im Sommer. Hitze. Abgase. Ozon. Plötzlich scheint niemand mehr diese Stadt zu mögen.

,,Wie unter einer Dunstglocke", sagen die Leute und wollen nur noch eins; raus. Am liebsten ans Meer, Wasser, Strand und FKK. Das Meer ist weit, das Wochenende kommt gemütlich. Man schläft aus, frühstückt spät und duscht langsam. Die Zeitung wird bis zur letzten Seite gelesen. Auf einmal ist es Nachmittag. Das Meer ist weit.

Ach ja. Wir armen Berliner. Haben es nicht leicht in einer Stadt mit dünnem Rasen und staubigem Asphalt. Die Stadt ist so schön, aber kein Erholungsort. Das weiß der Hauptstädter. Und denkt trotzdem nicht daran wegzuziehen. Warum auch.

Ich zum Beispiel habe mir vor kurzem einen kleinen zusammenklappbaren Campingstuhl gekauft. Ein Alumetallgestell mit Rückenlehne und Sitz aus gemustertem Stoff. Ein Schnäppchen für zehn Mark. Damit fahre ich jetzt regelmäßig am Wochenende zum ehemaligen ,,Stadion der Weltjugend" in die Chausseestrasse. Dort haben sie aus etlichen Tonnen Sand eine Beachvolleyballanlage errichtet. Ich setzte mich auf einen der rund 15 Courts auf mein Stühlchen und beobachtete die Leute beim Spielen. Das ist fast wie Urlaub. Meine Füße berühren den warmen Sand. Aus den Lautsprecherboxen klingen soulige, funkige und brasilianische Rhythmen. Die Männer spielen mit freiem Oberkörper und schwitzen. In der kleinen Bar hole ich mir ein Alsterwasser zu einem freundlichen Preis. Die Sonne scheint mir ins Gesicht.

Man könnte jetzt natürlich fragen, warum ich nicht selber spiele. Zum einen bin ich nicht besonders gut im Volleyball. Zum anderen macht das Spiel einen anstrengenden Eindruck. Ich habe noch nie irgendjemanden so oft fallen sehen, wie die Spieler beim Beachvolleyball. Das wäre nichts für meine Knie. Und dann all die Dinge die es zu beachten gilt: Mindestens eine viertel Stunde vor dem Spiel aufwärmen und nach dem Spiel zehn Minuten dehnen. Sonst drohen Verletzungen. Auch müssen Spieler und Spielerinnen nach einem Turnier noch den Platz harken. Bei so viel Aufwand bleibe ich doch lieber auf meinem Campingstuhl sitzen. Schließlich will ich mich erholen.

Übrigens: Kurt Tucholski hat aml in seinem Gedicht ,, Das Ideal'' über Berlin geschrieben: Ja, das möchste. Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse / Vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße / mit schöner Aussicht / ländlich-mondän / vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehen - aber abends zum Kino hast dus nicht weit.'' Gäbe es so ein Berlin, es würde wohl noch voller werden hier. Aber es ist ja nur ein Traum. Und das ist gut so.